Dmitry Vrubel und der Kuss, der die Berliner Mauer veränderte
Wie ein Pressefoto von 1979 auf der Berliner Mauer landete, und was der Satz darunter mit dem Bild gemacht hat.
Eine Familienperspektive von Artemiy Vrubel
3 Min. Lesezeit

Dmitry Vrubel erneuert „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ an der East Side Gallery, 2009.
Das Bild kennt jeder. Zwei alte Männer im Anzug, die sich auf den Mund küssen. Was die wenigsten wissen: Es fing als Pressefoto an, und erst der Satz, der auf der Mauer darunter steht, hat es hängen lassen.
Aus einem Pressefoto wird eine Mauer
Das Foto stammt von Régis Bossu, einem französischen Pressefotografen, der im Oktober 1979 zum 30. Jahrestag der DDR in Ost-Berlin war. Breschnew und Honecker begrüßten sich so, wie sozialistische Staatschefs das taten, Bossu hatte den Moment im Kasten, und als „Le Baiser“ ging das Bild um die Welt. Elf Jahre später malte mein Vater es in einer Größe auf die Berliner Mauer, an der man nicht vorbeikommt.
Dann schrieb er den Titel quer darüber: „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben.“ Ohne diese Worte ist es ein vergrößertes Pressefoto. Mit ihnen wird eine Klage daraus, und es ist nicht klar, wer da eigentlich klagt. Die Stiftung Berliner Mauer weist darauf hin, dass die Zeile auch aus seinem eigenen Leben von damals kam.
Berlin 1990
Er kam 1990 an, in eine Stadt, die gerade wieder zusammengesetzt worden war. Zuvor hatte er an der künstlerisch-grafischen Fakultät des Lenininstituts in Moskau studiert und in seiner eigenen Wohnung eine Galerie betrieben. Was er mit vorhandenen Bildern machte, nannte er „Multimediagraffiti“.
In jenem Frühjahr bemalten Künstlerinnen und Künstler aus 21 Ländern 1,3 Kilometer der alten Grenzmauer mit 106 Werken. Im September 1990 wurde das Ganze als East Side Gallery eröffnet. Sie malten auf eine Mauer, der man anderthalb Jahre zuvor nicht zu nahe kommen durfte.
„Die East Side Gallery ist der Sieg der Kunst über die Geschichte.“
Das andere Wandbild
Der Bruderkuss ist das Bild, das alle fotografieren, aber es war nicht seine einzige Wand dort. Die zweite heißt „Danke, Andrej Sacharow“, nach dem Physiker, der sowjetische Waffen baute und den Rest seines Lebens damit verbrachte, gegen sie zu argumentieren.
Sacharow war nur wenige Monate vor der Bemalung der Mauer in Moskau gestorben.
Zweimal gemalt
Witterung und Tags richteten die frühen Bilder übel zu. 2009 wurde die Galerie saniert und die ursprünglichen Künstler wurden gebeten, ihre eigenen Werke neu zu malen. Mein Vater malte den Kuss zusammen mit Viktoria Timofeeva neu, seiner Frau und Atelierpartnerin. Deshalb stehen beide Namen am Fuß der Mauer. Das Foto oben ist von dieser Arbeit.
Er bekam 3.000 Euro dafür und gab das Geld an ein Kunstprojekt in Marzahn.
1990 → 2026
Was ich heute damit mache
Mein Vater ist 2022 gestorben. Ich fertige die BRUDERKUSS-Stücke in Berlin, von Hand, eines nach dem anderen, und jedes bekommt seine eigene Nummer und sein eigenes Zertifikat.
DAS OBJEKT
In Berlin von der Familie Vrubel gefertigt.
Ein nummeriertes Stück, mit einem Chip darin, der sein eigenes Zertifikat öffnet.
